Vom 12. - 15. 12. 2011 fuhren wir zur Verteilung nach Bulgarien.Unser Team bestand dieses Jahr aus vier Personen: Pfr. Mag. Martin Eickhoff aus Gmunden, Ing. Klaus Drack aus Scharnstein, DI Brigitte Wotschiski aus Salzburg und Gerti Holzer aus Regau. Außerdem wurden wir an den ersten zwei Tagen von einem ORF-Team begleitet. Frau Brigitte Wotschiski berichtet von ihren Eindrücken:
Hoch - Tief: Ein Spiel, das ich beim Schlafengehen immer mit meinen Kindern mache, wobei jeder das schönste und schlechteste Erlebnis des Tages erzählt. Mein Hoch der letzten Tage war die Verteilerreise von Weihnachten im Schuhkarton®. Dass ich mitgefahren bin, lag daran, dass mir vor fünf Jahren jemand einen Flyer von dieser Aktion in die Hand gedrückt hat. Mir gefiel die Idee, nicht einfach nur Geld zu spenden, sondern mit persönlichem Einsatz Freude zu bereiten. Vor vier Jahren habe ich selbst eine Sammelstelle eingerichtet.Aber zurück zu meinem Hoch, genau genommen waren es mehrere: Wir landeten in Sofia, der Hauptstadt eines Landes, von dem ich so gar keine Vorstellung hatte. Von dort fuhren wir mit einem Mietauto in eine Landschaft mit Dörfern ohne Farbe. Man sah kaum Menschen auf den Straßen, die sich in miserablen Zuständen befanden. Auch Autos sahen wir auf dem Land fast keine, dafür jede Menge Fuhrwerke.
Endlich begannen wir in Bezhanovo mit dem Verteilen in einem Haus einer Roma-Familie. In zwei Räumen lebten 18 Menschen, davon sieben Kinder. Als wir den Wohn-Schlafraum betraten, waren die Kinder etwas ängstlich, doch beim Öffnen der Pakete änderte sich das Bild. Die Kinderaugen leuchteten, Kuscheltiere wurden gedrückt, Haarreifen aufgesetzt, Schokolade als Ganzes ausgepackt und wie ein Stück Brot gegessen. Die Mütter freuten sich von Herzen, dass ihre Kinder ein Geschenk bekamen, welches sie ihnen niemals machen könnten. In den Nachbarhäusern erlebten wir ähnliche Situationen.
Danach besuchten wir eine Gemeindehalle, wo schon die Volksschulkinder der Dorfschule auf uns warteten. Wir wurden immer begleitet von Gabi, der bulgarischen Betreuerin, die alle Verteilungen sehr gut vorbereitet hatte. Die Kinder und Lehrer hatten einiges an Liedern und Aufführungen vorbereitet, um uns eine Freude zu bereiten. Bald nahm die Unruhe zu, die Kinder konnten die Vorfreude auf die gegenüber von ihnen gestapelten Geschenke nicht mehr zurückhalten und endlich ging's ans Auspacken. „Juhu!“, hörten wir, eine Mundharmonika wurde getestet, freudig Geschenke in die Höhe gehoben oder neugierig in den Karton des Nachbarkindes geschaut. Alle Kinder wollten fotografiert werden und posierten sich vor der Kamera. So endete unser erster Tag.
Am zweiten Tag ging es weiter nach Osten. Nach einer langen Autofahrt über holprige Straßen erreichten wir Veliki Preslav, ein kleines Dorf, in dem wir wieder in Häusern von Roma-Familien zu verteilen begannen. Heute begleitete uns auch ein junges, bulgarisches Ehepaar, das das Kinderprogramm übernahm. Der Mann erzählte uns, dass er selbst als junger Bursche einmal ein solches Paket erhalten hatte. Er konnte damals im Winter nicht zur Schule gehen, da er keine Schuhe besaß. In seinem Packerl waren dann tatsächlich Schuhe, die ihm perfekt passten, und so konnte er wieder die Schule besuchen. Dieses Erlebnis motivierte ihn später, anderen zu helfen.
Die Häuser waren noch ärmlicher als gestern: Plumpsklosetts im Freien und Müll so weit das Auge reicht. Der Raum, in dem wir mit dem Verteilen begannen, war jedoch fein aufgeräumt, sogar mit Plastikblumen am Tisch. Bei diesen Familien spürten wir die Dankbarkeit der Erwachsenen. Genau genommen waren die Mütter gar keine Erwachsenen, sondern selber noch Kinder, die meistens mit 11 oder 12 Jahren verheiratet wurden und mit 17 bereits zwei oder drei Kinder hatten.
Als Nächstes besuchten wir im gleichen Dorf einen Kindergarten, in dessen Garten kein einziges Spielgerät stand, dafür schliefen im Rasen gleich drei streunende Hunde. Drinnen warteten schon 12 noch sehr kleine Kinder auf uns. Alle trugen auch hier ihre Sonntagskleidung, wozu sie von der Kindergartenleitung aufgefordert worden waren. Dazu hatten die Mädchen Girlanden aus Lametta und die Buben kleine Nikolausmützen am Kopf. Ein entzückendes Bild bot sich uns, als sie einen Reigentanz aufführten. Die Freude über unsere Geschenke war wie immer riesengroß. Leider viel zu schnell mussten wir wieder weiter.
Am dritten Tag sollten wir eine andere Art der Verteilung als bisher erleben. Größere, teilweise behinderte Kinder, die keiner mehr haben wollte, und die in einem Waisenhaus in Novo Selo lebten, warteten auf uns. Als sie uns sahen, liefen sie uns entgegen und halfen uns die Geschenke ins Haus zu tragen. Wir nahmen an einer Kinderstunde teil, die im Turnsaal stattfand. Die Kinder waren schmutzig, es hat nicht sehr fein gerochen und das Haus selber – unvorstellbar, wie man hier leben kann! Am Ende der Stunde verteilten wir die Pakete.
Die Armut vermischt mit der riesigen Freude war so bewegend, dass ich meine Tränen kaum zurückhalten konnte. In ihrer Begrüßungsrede sagte Gerti zu den Kindern: „Wenn etwas nicht passt, könnt ihr untereinander tauschen oder etwas weiterschenken“. Ich bekam von einem Burschen, der ein Paket für ein Mädchen erhalten hatte, eine kleine Haarspange, die er mir ganz vorsichtig ins Haar steckte. Als ich das Haus verließ, war ich erfüllt mit unendlicher Freude über das soeben Erlebte.
Auch in einer Schule in Mihaltici erwartete uns ein ähnliches Bild: Die Kinder waren so glücklich und dankbar. Ein schon größerer Bursche sprang auf mich, umarmte mich und sagte, er gäbe mich nie wieder her.
Danach besuchten wir die nächste Schule in Vulchi Trun mit über 100 Kindern. Der Direktor kaufte einen Schulbus, um in seiner Freizeit selbst die Kinder von zu Hause abholen und wieder heimbringen zu können. So wichtig ist es ihm, dass diese Kinder Bildung erfahren. Auch hier wurden wir mit riesiger Vorfreude erwartet, und nach der Verteilung gab es nur noch ein Lächeln auf den sonst oft so traurigen Gesichtern.

Unsere Verteilung am letzten Tag erfolgte in zwei sehr ärmlichen Kindergärten in Draganovo und Strelec. Im ersten gab es nur einen einzigen beheizten Raum, da jemand das Heizöl gestohlen hatte. Als wir den zweiten erreichten, war ich mir sicher, dass wir uns geirrt haben, denn in so einem verfallenen Haus konnte sich doch niemand aufhalten. Aber wir waren richtig. Wir nahmen an einer kleinen Feier teil. Der Raum wurde mit einem Holzofen beheizt. Der Boden war uneben, die Fenster teilweise zerbrochen und behelfsmäßig mit Plastik oder Holztafeln zugeklebt.
Die Kinder waren so herzlich und freuten sich sehr über die Geschenke. Drei dieser Kinder waren jedoch sehr schüchtern. Sie konnten kaum etwas verstehen, weil daheim nur Türkisch gesprochen wird. Sie trauten sich die Pakete nicht anzunehmen und schon gar nicht zu öffnen. Wir nahmen uns Zeit und langsam löste sich ihre Scheu ein bisschen. Vorsichtig berührte ein Mädchen die Puppe, die sich in ihrem Paket befand. Martin durfte ihr die Haube aufsetzen und schließlich nahm sie auch die Puppe aus dem Schuhkarton und drückte diese. Als wir den Raum verließen, winkte sie mir zu.
Leider war dies unsere letzte Verteilung, denn wir mussten rechtzeitig am Flughafen sein. Dies alles war mein Hoch in den letzten Tagen - ja und mein Tief? Wir können die sozialen und wirtschaftlichen Probleme nicht lösen. Dennoch haben wir unvergessliche Freude mitgebracht, an die sich die Kinder erinnern werden und die sie in Zukunft selbst zu liebevollem Helfen veranlassen kann.
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»Weihnachten im Schuhkarton«